Team Dr. Love - Frage vom 7. März 2017

Frage: "Nachspielen von Gewalterfahrungen mit BDSM nicht gut?"

Liebe*r Dr. Love,
ich habe eine Frage zu BDSM Sex. Ich mag ihn, sowohl aktiv, als auch passiv. Aber ich merke auch, dass ich da immer wieder meine Erfahrungen mit sexueller Gewalt nachspiele. Und habe irgendwie den Eindruck, dass das vielleicht nicht gut ist.
Mir hat mal jemand erzählt, dass Menschen, die als Kind geschlagen wurden, gerne dominieren, und Menschen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, gerne dominiert werden. (Ist da was dran?)
Mir macht beides Spaß. Erinnern kann ich mich aber nur an sexuelle Gewalt, nicht an Schlagen.
Abgesehen vom Thema BDSM: Wie ist allgemein euer Eindruck, was am besten dabei hilft, bei Vorerfahrungen mit sexueller Gewalt zu heilen? Ich habe eigentlich den Eindruck, dass ich nur zum Orgasmus komme, wenn ich mir sexuelle Gewalt vorstelle oder sie inszeniere. Das fühlt sich gleichzeitig gut an, wie es auch einen schalen Beigeschmack hat. Das kann es doch nicht sein, oder?

 

Ramos Strzygowski meint:

Liebe Fragende,

BDSM ... keine Ahnung ;) - nur die Ahnung, dass das, was du beschreibst, ein Umgehungsmechanismus ist. Umgehung des tiefen Sich-einlassens, der wirklichen Konfrontation mit deinem Inneren, mit den tiefliegenden Emotionen aus deiner vergangenen Erfahrung.
Natürlich scheint es erstmal als Wagnis, diese Emotionen wirklich anzusehen. Allerdings ist die Unsicherheit endlich: erfahrungsgemäß lösen sich Blockaden / Traumata auf, wenn sie in Liebe angenommen werden.
Die Methode heißt "Heilen mit Liebe": Annehmen statt wegschieben.
Dich wirklich einlassen ist vielleicht das krasseste, was du machen kannst: dich dir selbst (und deiner Vergangenheit) stellen und dich trauen, diese Emotionen / abgekapselten Teile deines Lebens anzunehmen, mit deiner Liebe zu umgeben und (wieder) in dein Leben zu integrieren.
Du integrierst damit diese Lebensbereiche und wirst mit jedem Mal vollständiger und glücklicher.
Klingt gut? Ist in Wirklichkeit sogar noch viel einfacher als es sich der Verstand vorstellen kann.
Und die Wirkung ist direkt spürbar; das kannst Du sehr gut bei Vorerfahrungen sexueller Gewalt anwenden: in Dein Herz gehen, den Schmerz aus deinem Herz heraus mit deiner Liebe umhüllen und dich selbst (dein Bewußtseinszentrum) in den Fluß der Liebe hineinsinken lassen. Und wenn dabei weitere Emotioenen/Schmerzen/Erinnerungen mit hochkommen: stell sie auch in den Strom deiner Liebe, bleib beim Fließen und senke Dich noch weiter Richtung der Quelle der Liebe.
Du wirst immer freier werden, und dein Leben (und deinen Orgasmus) immer freier selbst bestimmen können ... ohne Druck, einfach aus Lust heraus.
Viel Erfolg
Ramos

Auf dem Weg zum eigenen Herzen,
über Körper, Geist und Seele:
www.Liebesschule.de

 

Harilal sagt:

Lieber Fragender,

zu erst mal danke für deine Offenheit zu einem wie ich finde durchaus heiklen Thema. Eine interessante Frage, vor allem vor dem Hintergrund deiner wahrgenommenen Widersprüchlichkeit.

Ich gehe der Reihe nach vor:

Zu deinem Eindruck, dass das vielleicht nicht gut ist, kann ich dir nur raten: Höre auf dein inneres Wissen und spüre, was dein Herz will!
Ist es mehr ein Gedanke, dann spielt wahrscheinlich das "moralische" gesellschaftliche Denken da rein, oder ist es mehr ein Gefühl, dann betrifft es dich persönlich und sollte genauer betrachtet werden.

Ist da was dran? Da ist wahrscheinlich was dran! Aber auch was allgemein durchaus Gültigkeit hat, muss noch nicht automatisch für den Einzelnen zutreffen. Es gilt für dich heraus zu finden, ob es für dich persönlich relevant ist. Das geschieht, in dem du dich damit auseinander setzt, was du ja bereits ganz offensichtlich tust. Damit schaffst du Bewusstsein, bringst für dich Licht in die Sache. und löst dich von dem "Allgemeingültigen".

Mir macht beides Spass. Meine Antwort dazu klingt wie eine Floskel und du kennst sie wahrscheinlich schon. Solange es Spass macht und niemandem schadet, kann ich nichts verwerfliches entdecken. Und doch kommt jetzt eine Einschränkung. Schau genau hin, ob der Spass nur oberflächlich ist, quasi ein schneller Genuss, oder ob eine tief empfundene Freude dahinter steht.

Was hilft am besten bei Vorerfahrungen mit sexueller Gewalt zu heilen? Meine Erfahrung ist, dass Heilung am schnellsten geschieht, in der Bereitschaft alles zu fühlen, was das dahinter stehende Thema bei mir auslöst. Es gibt sozusagen keinen Weg oben raus. Ich muss ganz durch und unten raus. Wie bei einem Trichter.

Schau genau hin! Das gilt erst recht für deine Vorstellungen von sexueller Gewalt, die du brauchst, um zum Orgasmus zu kommen. Nach meiner Erfahrung sind die Orgasmen, die durch körperliche Präsenz im Spüren zustande kommen, viel anhaltender und nährender wie die Orgasmen durch vorgestellte Fantasien oder Inszenierungen. Ich unterscheide hier für mich zwischen triebhafter, geiler Sexualität und tantrischer, intimer Sexualität. Das soll zunächst keine Wertung sein und es ist auch nur ein Konzept. Doch lässt sich damit einiges besser veranschaulichen. Beim ausschließlich triebhaften, geilen Sex fühlt sich manches sehr gut an, was doch für das Herz, das sich mehr nach dem nährenden, verbindenden, intimen Sex sehnt, einen faden Beigeschmack haben kann. Insofern kann es sehr wohl sein, dass beides gleichzeitig da ist.

Schau genau hin, heißt in diesem Fall: Hör auf dein Herz! Die intime Sexualität bedient eine tiefere Sehnsucht in uns, während die triebhafte Sexualität eher die Begierde und die Gelüste bedient. Insofern führt das eine zur schnellen Befriedigung, während das andere zu einer anhaltenden Erfüllung führt. Doch mach kein Dogma daraus. Alles hat seine Berechtigung und alles hat seine Zeit.

In diesem Sinne mit lieben Grüßen
Harilal
https://harilal.jimdo.com/


Martina Eichel antwortet:

Hallo Mensch!

Danke für Deine Frage.

Vermutlich lässt sich die Aussage, das Menschen die in der Kindheit geschlagen wurden, gern dominieren und Menschen die sexuelle Gewalt erfahren haben, gern dominiert werden, nicht pauschal mit Ja beantworten.

Menschen entwickeln unterschiedliche Strategien, um mit Verletzungen aus der Kindheit/ Vergangenheit umzugehen. Manche Menschen verlieren komplett die Lust an Sexualität, andere können keine Befriedigung in der Sexualität finden. Andere werden zum Sexualstraftäter.

Wieder andere gehen einen ähnlichen Weg wie Du.

BDSM Sex kann eine unglaublich intensive Form der Begegnung sein.

Im Gegensatz zu echter Gewalterfahrung, wird in der Regel unter „Spielpartnern“ sehr viel miteinander gesprochen. Das Szenarium wird detailliert vorher besprochen, Grenzen und Safewörter vereinbart. Das bedeutet, Sex in dieser Form findet consensuell statt. Sprich einvernehmlich.

Beiden ist bewusst, dass die Gewalt, die hier stattfindet, eine Art Spiel ist, das sich gleichzeitig sehr real anfühlen kann.

Aus meiner Beobachtung kann in diesem Inszenieren und in der Lust und Befriedigung auch Heilung liegen. Weil die Menschen hier eine Wahl haben und nicht wirklich ausgeliefert sind.

Ich glaube, sexuelle Gesundheit zeigt sich auch in einer Spannbreite unterschiedlicher Möglichkeiten für das Empfinden von Lust. Wenn Du also ausschließlich über Gewalt(phantasien) zum Höhepunkt gelangst, könnte es durchaus sinnvoll sein, sich das Thema einmal genauer anzuschauen.

Auszuprobieren ob vielleicht auch tantrische, zarte Berührung lustvoll sein darf.

Wir Menschen neigen dazu, einmal erlernte Muster zu wiederholen.

Die Verbindung von Sex und Gewalt kann aus der Kindheit da sehr tief gehen.

Unsere Lernfähigkeit ermöglicht uns jedoch, auch als Erwachsene neue Verhaltensweisen kennenzulernen.

Du schreibst, dass was Du erlebst fühlt sich gleichzeitig gut und schal an.

Was macht für Dich den schalen Beigeschmack aus?

Weil Du etwas als lustvoll empfindest, was so (gesellschaftlich) nicht so sein darf?

Weil Deine eigene moralische Instanz ein Veto einlegt?

Weil es in Dir die Sehnsucht nach anderen Formen der sexuellen Befriedigung gibt?

Manchmal genügt es, ganz tief in sich selbst Ja zu sagen, zu dem was ist.

Zu Deiner Frage, was kann helfen, sexuelle Gewalterfahrungen zu heilen:

Gute therapeutische Erfahrungen gibt es mit

EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)

Brainspotting (eine Weiterentwicklung des EMDR)

Hypnose

Homöopathie

Wenn der betroffene Mensch allmählich in therapeutischem Kontext Berührung zulassen kann, ist es auch denkbar die Tantramassage als Heilungsmassage einzusetzen.

Es ist ein Weg der Vertrauen und gute Begleitung und Zeit braucht. Ein Weg, der sich lohnt.

Von Herzen, Martina
www.naturheilpraxis-eichel.de

 

Ilka Stoedtner sagt:

Erstmal prima, dass Du selbst nach sexuellen Gewalterfahrungen, Deine Orgasmusfähigkeit und Dein Lusterleben hinübergerettet hast. Es klingt als ob Dein System die erlebten Erfahrungen sexualisiert hat. Im Grunde ist dies schon ein autonomer Versuch der Heilung oder Bewältigung eines traumatischen Geschehens und ist Anerkennung wert!

Auch Fantasien zu kreieren,- ganz egal welcher Art und dadurch Erregung bis zum Höhepunkt zu erzeugen bedarf keiner Verurteilung, sondern ist eine Dir eigene, erlernte Fähigkeit.

Diese Fähigkeit lässt sich erweitern,- ja. Dies ist ein komplett individueller Prozess und bedarf persönlicher, therapeutischer Begleitung. Ebenso wie die Auseinandersetzung bezüglich sexueller Gewalterfahrungen. Therapie finde ich generell „Gold wert“, da sie im gelungenem Fall immer Erweiterung im Bewusstsein erschafft und Wirkung auf das körperlich-emotionale System erzeugt. Es kann also gut eine zeitlang zum persönlichen „Wellness-Programm“ mit dazu gehören.

Manchmal kommt es auch vor, dass Menschen ohne Gewalterfahrungen Fantasien haben, die derlei Inszenierungen beinhalten. Hier kann es mit der ganz konkreten Art und Weise der sexuellen Stimulierung und der Körperspannung zusammenhängen. D.h.; wenn eine sehr hohe Spannung im Körper notwendig ist, dann übersetzt das Hirn dies in entsprechende Bilder. Wie schon oben beschrieben kann man dies im persönlichen Rahmen wie unter einer Lupe betrachten und die erfolgreiche "hauseigene Methode" langsam erweitern.

Wenn Du gern Szenarien inszenierst, würde mich zusätzlich interessieren, ob es noch andere Szenen gibt, die Dir gefallen. Die vielleicht noch gar nichts mit Orgasmus zu tun haben und die dennoch ein Experiment wert wären?

Mir hat mal jemand erzählt, dass Menschen, die als Kind geschlagen wurden, gerne dominieren, und Menschen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, gerne dominiert werden. (Ist da was dran?)

Sind Erfahrungen innerhalb der persönlichen Geschichte nur "schwer verdaulich", so gibt es die Möglichkeit, dieselbe oder ähnliche Situationen zu wiederholen, genau andersherum zu inszenieren oder einfach grundsätzlich zu vermeiden, so dass man mit den auftauchenden Gefühlen nicht mehr konfrontiert ist. Dies sind 3 häufige Möglichkeiten aus dem grossen Pool der auftauchenden Varianten.

www.ilka-stoedtner.de

 

Mathias Miklaw antwortet:

Hallo!

Deine Frage(n) ist/ sind komplex und vielschichtig und daher hier sicherlich nicht umfänglich zu beantworten. Ich möchte also nur ein paar Aspekte herausgreifen und Dir meine Gedanken dazu mitteilen:

BDSM macht Dir Spaß, das nicht nur in einer bestimmten Rolle und Du gehst bewusst mit dem Thema um, bist also reflektiert genug zu erkennen, daß es auch Aspekte gibt, die für Dich schwierig sind. All das scheint mir eine „gesunde“ Grundlage zu sein von der aus Du Dich näher mit der Thematik befassen kannst.

„Einhaken“ kann man bei dem Thema, dass Du bisher nur bei sexuellen Gewaltvorstellungen zum Orgasmus gekommen bist. Wie wichtig ist es für Dich beim Sex auch zum Orgasmus zu kommen? Kannst Du Dir Sex auch ohne Orgasmus schön vorstellen? Wie groß ist Dein Interesse Dein sexuelles Spielfeld um andere sexuelle Spielarten zu erweitern? Hier kann sich für Dich ein interessantes Forschungsfeld auftun.

Du erwähnst den „schalen Beigeschmack“. Das bringt mich zu der Frage mit wem Du BDSM lebst. Einer/einem festen Partner(in) in einer umfassenden Paarbeziehung? Mit mehreren „festen Spielgefährten/innen oder eher mit anonymen Bekanntschaften? Gerade die Anonymität kann einerseits reizvoll sein, der Mangel an Verbindlichkeit führt nach dem Sexgenuss zuweilen aber zu einem „Kater“. Das übrigens unabhängig davon, welche Art von Sex gelebt wurde.

Hast Du Deine eigenen sexuellen Gewalterfahrungen schon mal in einer umfassenden Therapie aufgearbeitet oder kannst Du Dir vorstellen dies zu tun? Ich halte das jedenfalls für empfehlenswert, auch dann wenn Du den Eindruck hast, das Geschehene „eigentlich“ selbst schon ganz gut verarbeitet zu haben. Bezüglich der Methode kann ich Dir keine definitiven Hinweise geben, weil wichtiger als die Methode die Beziehung zwischen Klient(In) und Therapeut(in) ist - eine sehr individuelle Sache also. Dennoch ist es naheliegend, das Du mit jemandem arbeitest, der sich mit Traumatherapie auskennt und möglichst auch KÖRPER-psychotherapeutisch ausgebildet ist. Und Du solltest Dir im Vorfeld auch klar werden, ob Du Dich lieber von einem Mann oder einer Frau begleiten lassen willst, oder ob Dir das Geschlecht wirklich ganz egal ist.

In der Hoffnung zu Bewegung beigetragen zu haben grüßt Dich

Mathias Miklaw
www.beziehungsberatung.berlin

 

Thomas Beutler meint:

Meiner Erfahrung nach gibt es bei BDSMlern sowohl Menschen, die deshalb dominant oder devot sind wegen entsprechender Erfahrungen in der Kindheit oder weil dies ihrem natürlichen Wesen entspricht. Und es gibt Möglichkeiten dies heraus zu finden, wie das bei dir oder dies l(i)ebenden Menschen ist; durch entsprechende (begleite) Gefühlsreisen in dein Inneres. Oft sind es auch Mischformen, sowohl Anlage als auch durch Kindheits-Erfahrungen antrainierte Muster/Rollen.

Auf der sexuellen Begegnungsebene ist es aber zweitrangig, was die Gründe sind, warum mensch Gewalt erfahren, sich hingeben oder die absolute Kontrolle haben mag. Hier zählt nur, kann ich dies gut fühlen, was für Räume ich mag, dem Gegenüber kommunizieren und es für mich moral- & vorurteilsfrei in die Welt holen. Welche technischen „Ausrüstungen“ und Gegenüber es dazu braucht. Schauen, wo die jeweiligen Grenzen sind und wenn gewünscht diese immer wieder erweitern, experimentieren wann es zuviel wird oder wo sich dabei neue Welten auftun. Eintauchen in den Rausch des Fliegens, der Orgasmen und kraftvoller Sexualität.

Allerdings erfüllt dies bei einigen die auf diesem Pfad sind, dann NICHT die wahrhaftigen tieferen Bedürfnisse und es geht ähnlich wie bei chemischen Drogen um immer mehr, öfters und leider auch unbewusstem (schmerzhaften) Überschreiten der eigenen Körper-Grenzen. Starken Abhängigkeiten zu Person oder bestimmten Zuständen.

Will ich tiefer auf die Gründe dahinter schauen, darf ich diese „Flucht“ in den Rausch vertauschen mit dem Eintauchen in meine Innenwelt, meinen Gefühle und meistens auch einer Reise in meine Kindheit. Ein erster Anfang dazu ist nicht mehr pauschal von BDSM, Gewalt oder Sex zu reden, sondern hier anzufangen detaliert zu forschen und zu formulieren, worum es genau dir genau dabei geht.

Thomas Beutler
Reise-ins-magische-ich@web.de

 

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